top of page
  • Dina

Nein, du bist nicht gut wie du bist

"Du bist gut wie du bist" – ein schöner Satz. Und so gefährlich. Lädt er doch dazu ein, nie wirklich herauszufinden, wie viel da noch in einem schlummert. Man ist ja schließlich gut, wie man ist.


"Verschwendetes Potenzial" – oder vielleicht auch nicht?

"Du bist gut so wie du bist" ist in meinen Augen eine der gefährlichsten Lügen, die wir uns erzählen.

Wir geben uns selbst mit etwas zufrieden, von dem wir gar nicht wirklich wissen, was es heißt.


Was bedeutet das denn? Gut sein?


Zum einen bewertet man damit das eigene Tun als "gut, wie es ist" – man hat ja sein Bestes gegeben, irgendwann muss ja mal gut sein, oder? Aber wer sagt denn, wo die Grenze ist? Hat man wirklich sein Bestes gegeben? Und warum sollte man je damit aufhören? Wieso sollte man sich selbst limitieren indem man sich selbst quasi die Freikarte gibt, das eigene Handeln nicht weiter zu schleifen?


Ja, manchmal braucht man einen Schulterklopfer. Manchmal vergisst man, wer man glaubt zu sein – und dann helfen kleine Erinnerungen daran, wer man denn eigentlich sein möchte: jemand, der gut ist, wie er ist.


Nichts gegen Auszeiten!

Ich meine nicht einfach "höher, schneller, weiter" – vielmehr glaube ich, dass man sich selbst der Möglichkeit beraubt, besser in Dingen zu werden, sobald man sich selbst erzählt, "ist doch gut, wie es ist". Ich frage mich dann gern, wie gut es denn werden könnte, wenn man sich nicht zufrieden geben würde? Wo liegen die eigenen Grenzen? Das erfährt man nie, wenn man anfängt, sich auszuruhen.


Wie viel Potenzial steckt in uns – das wir nie entwickeln?


Pausen machen ist wichtig, das ist klar. Nur wer auch mal durchatmet, der hat langfristig genug Luft, sich weiter zu entwickeln.

Es gibt für mich aber einen Unterschied zwischen durchatmen und sich selbst gegenüber ausbleibenden Fortschritt rechtfertigen.


"Dina, man muss sich nicht immer in allem weiterentwickeln. Manchmal reicht auch einfach das eigene Sein völlig aus"

– stimmt. Sag ich mir zumindest sonntags bei der Pizza auf der Couch auch immer wieder. Aber ja, den Punkt sehe ich und ich halte ihn für wichtig. Wie wichtig überlege ich mir noch.


Die andere Ebene auf der ich die Aussage spannend finde, bezieht sich auf das "Sein" desjenigen, der sich sagt, er sei gut, wie er ist.


Ja, wir Menschen brauchen das Gefühl, dass das was wir tun gut und richtig ist. In irgendeiner Form auch wichtig. Wir brauchen Sinn – den wir uns selbst geben.

Wenn man aber jetzt glaubt, das eigene Sein vermeintlich (positiv) bewerten zu müssen (was effektiv der Sinn einer solchen Aussage ist) – dann fehlt einem doch im Kern der Glaube genau daran: dass man gut ist.


Wenn ich wirklich daran glaube, gut zu sein wie ich bin, dann treibt dieser Glaube mich. Er treibt alles, was ich tue. Er ist durchgehend präsent – ich lebe ihn. Ich brauche ihn mir selbst gegenüber nicht bestärken. Die Notwendigkeit habe ich gar nicht. Weil ich ihn durch alles lebe, was ich bin und tue.


Spannend: der fehlende Glaube an sich selbst

Was hier auf dieser Ebene also passiert, ist die vermeintliche Bestärkung oder Versicherung des eigenen Seins. Man versucht sich selbst von außen etwas zu sagen. Weil man im Innen nicht daran glaubt. Also versucht man, sich selbst nochmal darin zu bestärken.

Dabei kann man das eigene Unterbewusstsein nur leider nicht überlisten: Glaube ich, ich sei "nicht gut", wird mir meine regelmäßige vermeintlich positive Bestärkung vielmehr meine eigene gefühlte Unzulänglichkeit wachrufen – statt mich selbst zu bestärken.

Tricky. Ich schwäche mich also vielmehr.


"Dina, Sprache und Sein stehen in Wechselwirkung" werden jetzt manche von euch sagen. Das stimmt auch. Identität ist ohne Erlebnisse und ohne Handlungen die Feedback fördern gar nicht möglich. Man kann die eigene Identität durchaus aktiv formen.


Nur ist Identität eben vor allem die Sammlung von Erfahrungen (ua.), die im Unterbewusstsein arbeiten. In dem Moment, in dem ich mir aktiv sage "Ach komm, du bist doch ganz gut so, wie du bist" mache ich das bewusst. Ich versuche also durch mein "aktives Bewusstsein" auf mein Unterbewusstsein einzuwirken und mich selbst von etwas zu überzeugen.


Warum muss ich mir sagen, ich sei gut?

Was ich mich frage: warum muss man das denn aktiv tun? Warum glaubt man nicht bereits unterbewusst an das, was man sich aktiv versucht, zu bestätigen?


Hier liegt für mich nämlich eigentlich der Hund begraben.

Wo kommt denn das Bedürfnis her, sich selbst zu sagen, man sei gut, wie man ist? Wenn ich nicht daran zweifle, dann bräuchte ich mich doch gar nicht selbst erinnern, oder?


Betrüge ich mich nicht gleich auf mehreren Ebenen selbst, indem ich mir sage, ich sei gut, wie ich bin?



62 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page